19.01.2022

Homeoffice forever?
Eine Analyse

Homeoffice

Aktueller Stand und Auswirkungen

Wie sehr viele, arbeite ich seit fast zwei Jahren ausschließlich aus dem Homeoffice. Dieser Trend wirft einige Fragen auf, die mich beschäftigen.




Foto von Jess Morgan
  • Wie kommen Menschen mit Homeoffice klar?
  • Macht Homeoffice krank?
  • Wieviel Homeoffice bleibt nach der Pandemie?
  • Wie verändert Homeoffice unsere Wirtschaft und Gesellschaft?
  • Wie verändert Homeoffice unsere Städte?
  • Wie hängt Homeoffice und Globalisierung zusammen?
  • Wie können diese Entwicklungen positiv gestaltet werden?

Deshalb habe ich einige Quellen angeschaut, um den Trend besser zu verstehen. Diese Studie von Fraunhofer FIT zum Thema Homeoffice in Deutschland ist mir dabei aufgefallen. Sie läuft seit den ersten Lockdowns im März 2020 läuft, aber die Teilnehmer stammen aus verschiedenen Wirtschaftszweigen (also nicht nur aus der IT). Hier einige Erkenntnisse aus dieser Studie.
Wie zufrieden sind Menschen mit Homeoffice
  • 83% der Befragten sind mit Homeoffice zufrieden oder sehr zufrieden
  • Die Produktivität wird als mindestens so hoch wie im Office eingeschätzt
  • Auch Teamarbeit und Führungsaufgaben lassen sich aus dem Homeoffice effizient gestalten
  • Die Unzufriedenheit hat meistens konkrete Gründe.
Die häufigsten Gründe für die Unzufriedenheit
  • Die Betroffenen kommen generell mit der Technik nicht zurecht
  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie klappt nicht
  • Probleme mit der Trennung von Arbeit und Privat
  • Soziale Kontakte sind weniger spontan und ohne physische Nähe.
Wie schwerwiegend sind diese Gründe?
Technik

Menschen, die noch nicht gewohnt waren, von Zuhause aus mit dem Firmennotebook zu arbeiten, hatten sicherlich größere technische Hürden im Homeoffice. Jedoch haben die meisten Unternehmen schnell geschafft, die nötige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Auch wenn es am Anfang mancherorts nur den Zugriff auf E-Mails und Telefonkonferenzen gab. Menschen, die bereits gewohnt waren, mit Chats und Videokonferenzen auf einem Firmennotebook über ein VPN zu arbeiten, hatten es sicher leichter. Ich finde, diese Unzufriedenheitsgründe sind leicht zu beheben. Unternehmen werden immer mehr in bessere Infrastruktur und Schulungen für das verteilte Arbeiten investieren. Aber auch die Tools werden immer einfacher, effizienter und "sozialer".


Beruf und Familie

Die Umfrage fiel in die Zeit von Schul- und Kindergarten-Lockdowns, so dass die Betroffenen gleichzeitig im Homeoffice arbeiten und für die Kinder da sein mussten. Das bringt eine enorme Belastung mit sich und ist auf Dauer nicht möglich. Wenn die Kinder jedoch in der Schule bzw. Kindergarten untergebracht sind, würde die Unzufriedenheit bei den meisten vermutlich nicht so hoch ausfallen. Ansonsten wird vielleicht eine größere Wohnung benötigt, wenn mehrere Personen im Homeoffice arbeiten.


Trennung von Arbeit und Privat

Mit der Zeit sollte das einem leichter fallen. Wenn man sich langfristig auf Homeoffice einstellt, sollte man die Wohnsituation ggf. entsprechend anpassen, z.B. ein separates Arbeitszimmer einrichten. Hier kann der Arbeitgeber vielleicht sogar finanziell helfen. Ohnehin hat die Einsparung von Fahrtkosten und Fahrtzeit einen positiven finanziellen Effekt, der die ggf. zusätzlichen Kosten für den Heim-Arbeitsplatz kompensiert.

In jedem Fall ist Selbstdisziplin erforderlich, damit die Arbeit und das Privatleben nicht zu sehr vermischt werden. Dabei hilft es, sich neue Gewohnheiten zuzulegen. Was sehr hilfreich ist, ist die strikte räumliche Trennung, z.B. nicht auf dem Sofa oder am Küchentisch arbeiten, aber auch nicht am Arbeitstisch essen, fernsehen oder soziale Netzwerke besuchen. Zeitmanagement ist dabei auch ein Muss – pünktlich die Arbeit zu beginnen, zu beenden und Pausen einzuhalten, als wäre man im Büro. Nach Möglichkeit sollte auch die Hardware getrennt bleiben – d.h. das Firmennotebook sollte nicht privat genutzt werden, sonst steigt die Gefahr von Ablenkungen während der Arbeit.


Soziale Kontakte am Arbeitsplatz

Hier fehlt tatsächlich die Spontanität, deshalb müssen die Arbeitgeber und die Teams soziale Kontakte im Homeoffice speziell fördern. Zum Beispiel haben wir Mystery Coffee genutzt, damit sich die Kollegen untereinander besser kennenlernen und sowohl beruflich als auch privat 1:1 austauschen können. In diesem Bereich steckt sicher noch Entwicklungspotential.

Auch die Mitarbeiter sollten gezielt Kontakt mit anderen Kollegen suchen und sich damit bewusster beschäftigen und die Initiative ergreifen.
Was sagen die Arbeitgeber zum Homeoffice?
Die deutschen Arbeitgeber sind in der Regel etwas konservativer, besonders im Mittelstand. 54 % der Arbeitgeber glauben, dass Homeoffice nach Corona wieder eine Randerscheinung wird - laut Umfrage von Sopra Steria in Zusammenarbeit mit dem F.A.Z.-Institut. Immerhin haben 63% der Firmen und Verwaltungen in den vergangenen zwei Jahren in den Ausbau der Remote-Infrastruktur und Mitarbeiterschulungen investiert.

Die weiter fortschreitende Digitalisierung sollte die technische Anbindung der Remote-Arbeitsplätze auch weiterhin verbessern und die Homeoffice-Effizienz weiter steigern. Und da viele Arbeitnehmer jetzt die Vorzüge des Homeoffice kennen und schätzen gelernt haben, werden sie sich wahrscheinlich bei den Arbeitgebern durchsetzen, zumindest in ausgewählten Branchen. Zum Beispiel sieht man heute sehr viele standortunabhängige Jobangebote mit 100% Remote-Anteil. Solche neu eingestellten Mitarbeiter werden auch nach der Pandemie im Unternehmen bleiben und aus dem Homeoffice arbeiten. Deshalb müssen Firmen und Behörden diesen Trend ernst nehmen und die Infrastruktur und das technische sowie soziale Knowhow der Mitarbeiter weiter ausbauen.

Die Homeoffice-Politik wird zu somit einem Wettbewerbsfaktor auf dem Personalmarkt.
Macht Homeoffice krank?
Auf der positiven Seite liegt der Wegfall von Fahrtzeiten zum Büro und zurück. Im Ergebnis bringt es mehr Zeit für sich und die Familie. Leider gibt es auch potenzielle negative Folgen. Laut einigen Umfragen steigt im Homeoffice die Gefahr von gesundheitlichen oder psychischen Problemen. Insbesondere Rücken- und Augenprobleme aufgrund von nicht ergonomischen Arbeitsplätzen (ein richtiger Bürostuhl und großer Bildschirm sind ein Muss!), Übergewicht in Folge eingeschränkter Bewegung und ungesunder Ernährung bzw. mehr Alkohol können als potenzielle Langzeitfolgen identifiziert werden. Psychische Schwierigkeiten wegen der Einsamkeit, des Mangels an sozialen Kontakten und fehlender Trennung von Arbeit und Privat können zunehmen.

Insgesamt bringt Homeoffice viel mehr Eigenverantwortung mit sich - sowohl was die Arbeitsergebnisse als auch das eigene Wohlbefinden betrifft. Wir müssen uns aktiv darum bemühen, dass wir einen gesunden separaten Arbeitsplatz einrichten, auf Bewegung und Ernährung achten, Zeitmanagement und zwischenmenschliche Kontakte proaktiv gestalten. Diese Herausforderungen sollten auch die Arbeitgeber erkennen und Arbeitnehmer nach Möglichkeiten unterstützen, z.B. mit Schulungsangeboten und entsprechender Infrastruktur.
Wieviel Homeoffice nach der Pandemie bleibt
Während der Pandemie lag die Homeoffice-Quote im Schnitt bei ca. 30 %. In einzelnen Dienstleistungsbranchen lag der Anteil von Homeoffice im März 2021 bis zu 43 %, was wirklich enorm ist. In der IT-Branche sind viele Firmen komplett auf Homeoffice umgeschwenkt und haben im Büro nur noch eine Notbesetzung.

Laut Infas und Ifo-Institut können mindestens 56 % der Arbeitsplätze ganz oder teilweise im Homeoffice erledigt werden. Die entsprechende Befragung wurde aber 2018 durchgeführt - also vor Corona. Ich denke, wenn man die Umfrage heute durchführen würde, hätten wir einen noch höheren potenziellen Homeoffice-Anteil gesehen. Durch die fortschreitende Digitalisierung werden noch mehr Arbeitsplätze homeoffice-fähig - vielleicht können in den nächsten Jahren bis zu zwei Drittel der Arbeitnehmer ganz oder teilweise im Homeoffice arbeiten können.

Nicht nur die Technologie, sondern auch die Organisationsprinzipien der Arbeit werden sich anpassen müssen. In Firmen mit agilen Arbeitsmethoden zum Beispiel ist die Umstellung in der täglichen Arbeit meist völlig reibungslos verlaufen. Die Scrum-Meetings wurden vielerorts auch schon vor Corona ganz oder teilweise virtuell durchgeführt, weil Teams oft international verteilt sind. Das sieht dann z.B. so aus, dass jeder an seinem Arbeitsplatz ist und sich per Teams oder Zoom in die Konferenz einwählt, weil einige Teammitglieder in Indien, USA oder Osteuropa sitzen.

Die Digitalisierung macht Arbeitsprozesse und Ergebnisse transparenter. Wenn die Arbeitgeber die Arbeitsfortschritte digital sehen und steuern können, spielt es für sie meiner Meinung fast keine Rolle, ob die Mitarbeiter im Büro oder im Homeoffice sind.

Die soziale Komponente wird sich durch immer bessere und an die verteilte Arbeit angepasste Tools verbessern. Virtuelle Kommunikation ist kein vollständiger Ersatz von realen zwischenmenschlichen Begegnungen. Deshalb sollten zumindest hybride bzw. flexible Methoden oder wenigstens häufige Treffen im Büro stattfinden - am besten auch in einer lockeren Atmosphäre, z.B. beim Grillen und Bier.

In einer privaten LinkedIn-Umfrage - die natürlich gar nicht repräsentativ ist, aber immerhin eine Tendenz aufzeigt - haben mehr als 50% der Teilnehmer geantwortet, dass sie auch für deutlich höhere Gehälter nicht mehr bereit sind, wieder im Büro - nicht einmal teilweise bzw. hybrid - zu arbeiten. Nach meiner Einschätzung wird sich der Homeoffice-Trend weiter fortsetzen und die Unternehmen werden sich da anpassen müssen. Firmen wiederum müssen sehr gut überlegen, wie sie unter diesen Umständen ihre Firmenkultur weiterhin entwickeln und den Zusammenhalt fördern.
Fortsetzung folgt
Im nächsten Beitrag werde ich näher auf diese Fragen eingehen:

  • Wie verändert Homeoffice unsere Wirtschaft und Gesellschaft?
  • Wie verändert Homeoffice unsere Städte?
  • Wie hängt Homeoffice und Globalisierung zusammen?
  • Wie können diese Entwicklungen positiv gestaltet werden?

Bleiben Sie dran! Abonnieren Sie unseren Newsletter, damit Sie über die neuesten Beiträge informiert bleiben.

E-BOOK

Digitale Transformation
→ erfolgreich umsetzen

Laden Sie jetzt den PDF-Leitfaden herunter!

  • von praxiserfahrenen Experten
  • 65 Seiten mit Fakten, Checklisten und Empfehlungen
  • Erfolgsbeispiele: digital transformierte Unternehmen
PDF jetzt herunterladen:
Lesen Sie auch:
Abonnieren Sie unseren
wöchentlichen Newsletter: